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THE BRIDGE – Review

Die Zeit der Puzzel-DJs ist gekommen. Tracks zerlegen und neu zusammensetzen.  Mit “The Bridge” läßt sich klassisches DJing und Live-Remixing besser verbinden, denn je. Ein Erfahrungsbericht.

 

Prolog
Seit ich meinen Plattenkisten abgeschworen habe, erleichtern und ändern digitale Vinylsysteme (DVS) meine DJ-Arbeitsweise. Sozusagen ein spürbarer Einfluss des Setups aufs Set. Eine weitere Influenz war die aufkommende Leidenschaft für Mashups und die schon länger bestehenden Liebe zur Reggae- und Dancehallkultur. Kurz: ich spielte kaum noch einen Track in voller Länge aus. Mit Loops, CUE-Punkten und der Möglichkeit eigene Edits zu spielen, ohne erst ein Dubplate schneiden zu lassen, war ein DVS genau mein Ding.
Neben einem zweiten, nämlich Ableton. Nach mehr oder weniger erfolglosen Testläufen mit anderen Lösungen hatte ich hier eine Producing-Software gefunden, die mir lag. Da Ableton bekanntlich mehr ist als ein zeitlinienorientiertes Arrangementtool, standen sich plötzlich zwei Optionen gegenüber: deckbezogenes, nach Lust, Laune und Publikumsreaktion änderbares DJ-Set vs. ein weitgehend vorgefertigtes Clipkombinieren in Ableton, wo die Grenzen nur in der investierten Vorarbeit lagen. Beide Wege zusammenzuführen war immer ein Wunsch, der sich aber nie wirklich zufriedenstellend umsetzen ließ. Bis „The Bridge“ kam.

The Bridge
Eine Brücke verbindet zwei Ufer, „The Bridge“ Ableton Live (AL) und Serato Scratch Live (SSL). Wer beide Programme sein eigen nennt, braucht nicht noch mal in die Tasche zu greifen. „The Bridge“ ist kostenlos, aber nur in der Kombination Serato (SL1, SL3, TTM57, Sixtie Eight, 2011 kommt Itch dazu) und Ableton (Live Vollversion / Suite / Demo) einsatzfähig. Wie bei jeder Verbindung kommen zwei Punkte zusammen und die Richtung kann von A nach B sowie von B nach A führen. Es gibt also einmal die Variante Abletons Inhalt über Scratch Live zu steuern, zum anderen einen Mix aus Scratch Live in Ableton aufzuzeichnen.

Ableton in SSL
theb_2aWie funktionierts? Beide Programme, in aktueller Version (im Moment sind das Live 8.2 und SSL 2.1.1), sollten auf dem Rechner geöffnet sein. Im Setup von SSL ist ein „The Bridge Plugin“ zu aktivieren. Daraufhin zeigt sich in der gewohnten SL-Ansicht ein Panel, welches der Clipansicht in Ableton ähnelt. (Er)öffnet man nun in AL ein Set, wird dessen Inhalt im Panel von SSL dargestellt und lässt sich darüber steuern. Ableton läuft also im Hintergrund, die Clips in SSL könnte man als eine Art Verlinkung sehen. In der Grundansicht werden acht Kanäle mit acht Clips, plus Masterkanal, dargestellt. Weitere Kanalbreiten und Cliptiefen wären mittels Pfeiltasten ergründbar. Bei ausgeklapptem Effektpanel, verringert sich die Kanalanzahl um zwei. Eine Individualisierung der Darstellung ist nicht möglich.
Clips und Szenen können gestartet und gestoppt werden. Kanäle lassen sich auspegeln oder Solo schalten. Über den Weg Ableton-SSL lassen sich sogar VSTs einfügen. Follow Aktionen in AL bleiben auch in SSL gültig. Leider muss man auf die Infos zur Lauflänge des Clips, so wie man es eigentlich in Ableton hat, verzichten. Jeder Kanal verfügt über zwei Sendregler um zum Beispiel das Signal an einen, auf dem Returnkanal liegenden Effekt, zu schicken. Auch kann man kanalbezogene Effekte aus Ableton über das Panel steuern. Der dem Kanal zugeordnete Effekt wird dabei rechts im Panel angezeigt, inklusive acht Reglern zur Parameterjustierung. Sind einem Kanal mehrere Effekte zugewiesen, können die Devices mit Pfeiltasten gewechselt werden. Was nicht geht ist die SSL-eigenen Effekte auf Ableton-Inhalt zu legen oder in der Panelansicht die Position von Clips zu ändern oder diese zuzufügen bzw. zu entfernen (dafür müsste man zu AL switchen).

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Die Soundausgabe des Ableton Materials erfolgt wahlweise. Entweder direkt über die Decks von SSL, also die SL-Box oder den AUX (bei SL-3 oder Sixty Eight).  Möglich ist auch eine zweite, in Ableton ausgewählte, Soundkarte. In den beiden letzten Fällen wird dann am externen DJ-Mixer zugemischt.

Praxis
tb_3aNehmen wir nun an in Deck A von SSL läuft ein Track mit 110 BPM. Jetzt könnte ich, über einen in Deck B geladenen, speziellen Steuertrack, das von Ableton kommende Material wie gewohnt angleichen. Also die Timecodeplatte pitchen, abbremsen oder anschieben, bis beide Tracks bzw. SSL und AL synchron laufen. Klassisches DJ-Handwerk. Zu beachten ist, dass der Steuertrack keine Waveform beinhaltet, da ein ständig neuberechneter Audiostream wiedergegeben wird. Stattdessen sind die Bars & Beats im Deck als Balken visualisiert. Aus demselben Grund ist auch Scratchen oder ein Backspin nicht möglich, da es – einfach gesagt – keine Rückwärtsinformationen gibt. Loops und Cuepunkte lassen sich hingegen, wie bei einem Audiotrack, auch auf den Steuertrack anwenden.

tb_4aEine weitere Möglichkeit das Ableton-Playback zu steuern ist die SYNCH-Funktion. SSL Hardcore-User werden zusammenzucken, aber Entwarnung! Das berühmt, berüchtigte Auto-SYNCH bezieht sich nur auf den Ableton-Inhalt. Um dieses Feature voll zu nutzen ist massive Vorarbeit angesagt. Die Tracks in SSL müssen gegriddet werden. Traktor-User kennen das, in Ableton nennt sich die Funktion warpen und auch das muss gemacht werden. Keine komplizierte Sache, aber eine zeitintensive. Das Ergebnis ist es wert. Nun kann man nämlich Ableton zu dem, in unserem Beispiel mit exakt 110 gegriddeten BPM, laufenden Track in Deck A Ableton über den SYNCH-Button einstarten. Die ebenfalls gewarpten Clips laufen dann, auch auf 110 BPM, mit. Funktioniert hervorragend und gibt genug Zeit sich am Material auszutoben. Da das zweite Deck nicht durch einen Steuertrack blockiert ist, könnte man hier einen weiteren Audiotrack einbringen oder zurück zum reinen SSL-Auflegen oder auf Vinyl wechseln.

Zudem steht als dritter Weg noch ein interner Modus zur Wahl. Dabei lässt sich, befreit von Timecode oder SYNCH, das Ableton-Material mittels Pitch Slider und Nudge Buttons angleichen.

Richtig in Fahrt kommt man auf „The Bridge“ mit einem passenden MIDI-Controller. Hier bieten sich die üblich Verdächtigen an: APC40/20, Launchpad, VCM600 oder eine APP fürs iPad. Im Idealfall kann man eventuell benötigte SSL Funktionen (Loops, CUEs, Effekte) auch darauf mappen. Die Zuweisung erfolgt, einfach wie gewohnt, über die MIDI-learn Funktion in SSL.

In der Praxis erklärt sich „The Bridge“ von allein, besonders wenn man mit den beiden verbundenen Programmen schon Erfahrungen hat. Die Einbindung ist gelungen, aber sicher noch ausbaufähig. Das steuern über Timecodevinyl ist etwas gewöhnungsbedürftig. Da fühlt man sich, als mittlerweile „Null Latenz“ verwöhnter DVS-User, einige Jahre zurückversetzt, als solche Systeme recht schwammig reagierten. Aber wir stehen ja auch hier erst am Anfang und zu einem guten Teil dürfte der Eindruck auch dem geschuldet sein, dass bei einer Rückwärtsbewegung des Timecodes nichts passiert. Die SYNCH Steuerung funktioniert, entsprechende Vorarbeit vorausgesetzt, bestens. Nach nur wenigen Sessions findet man hier eine Arbeitsweise, um optimal zwischen den beiden Welten – Ableton und SSL – zu wechseln und so die Möglichkeiten eines DVS um mehr, als nur einen besseren Sampleplayer zu erweitern.

SSL in Ableton
tb_6aDie Bezeichnung legt es schon nah. Bei Mixtape geht es um die Aufnahme eines Mixes in Ableton. Der Funktionsumfang ist dabei abhängig von der verwendeten Hardware. Fangen wir beim Maximum an, weil es verbildlicht wie Mixtape funktioniert. Beim Gebrauch der Rane Mixer TTM57 und Sixty Eight wird das Material, welches in Serato wiedergegeben wurde direkt aufgezeichnet. Genauer gesagt wird eine Datei geschrieben, die man nach anschließend in Ableton öffnet. Jedes Deck, der Sampleplayer und das Mastersignal von „The Bridge“ wird in einer eigenen Spur dargestellt. EQ- und Faderbewegungen sowie Effekteinsätze sind als Automation festgehalten. Beste Voraussetzungen um die verrissenen Stellen nun in Ableton zu korrigieren.
Wer nur eine SL1 oder SL3 Box nutz, hat es nicht ganz so komfortabel. Hier fehlen die Faderkurven. Der Mix von, zum Beispiel zwei Decks, steht auf zwei Spuren zur Nacharbeitung bereit. Es wurde aber alles aufgezeichnet und das vorm (Cross)fader des Mixers. Folglich sind auch die Parts im Mix, die man eigentlich nur unterm Kopfhörer wahrnehmen wollte. Vorteil im Vergleich zum Recording eines Mastersignals: man hat Einzelspuren. Nachteil: man hat viel Arbeit in der Nachbereitung. Interessant wird Mixtape wenn auch andere MIDI-fähige Mixer Unterstützung erfahren. Das ist bisher leider nicht der Fall.

Fazit
Nach meiner bescheiden Meinung eine bahnbrechende Sache. Man kann darüber diskutieren ob andere Kombinationen ähnliches ermöglichen, der SYNCH-Knopf der Untergang der DJ-Welt ist oder man Fremdmaterial nur unangetastet ausspielen darf. So wie die Tanzmusikbands DJs als nicht zukunftsfähig sahen, weil die selten ein Instrument spielen konnten. Man kann aber auch sagen “Dinge ändern sich, da schau ich mal ob mir das was bringt”. Vinyl wurde von DVS, CD und Controllern abgelöst, auch “The Bridge” ist nur eine Brücke vom alten zum neuen Handling. Die Brücke ist offen, nun heißt es volle Fahrt voraus. Um beim Bild zu bleiben: für den Verkehr freigegeben wurde eine simple zweispurige Strasse, in einigen Jahren dürfte eine mehrspurige Autobahn darüber führen, wobei ich perspektivisch den Gewinner in Ableton sehe. Das ist gut so, aber ein anderes Thema.

The Bridge bei Ableton
The Bidge bei Serato

 

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