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NI TRAKTOR 2 – Review

Knapp 4 Wochen sind nun verstrichen, seitdem NI den neuen Traktor auf’s Feld gefahren hat. Ein guter Zeitpunkt also, die Ackerfläche auf ihre Gedeihung zu prüfen. Ein Test von Traktor Scratch Pro 2.

Der Release-Zeitpunkt als solcher war von Native Instruments schon fast unverschämt clever gewählt, denn rund eine Woche vor Beginn der Musikmesse in Franktfurt hatte man erstens noch die volle und uneingeschränkte Aufmerksamkeit auf sich, und zweitens blieb den Messe-Protagonisten genügend Zeit, ihre Systeme auf T2 umzustellen. Und wenn man sich die Bilder und Videos so anschaut, gab es nicht viele Aussteller, die dann noch auf’s alte Pferd gesetzt haben. Traktor 2 war so gut wie überall präsent, während NI selbst mit (gewohnter) Abwesenheit glänzte. Cleverer Schachzug!

OK, belassen wir es dabei und beschäftigen uns also nun tatsächlich mit dem Hauptthema Traktor 2, im Speziellen in Form von Traktor Scratch Pro 2. (da fällt mir aber schon wieder der nächste kleine Seitenhieb ein: wer um alles in der Welt kommt bitte auf die Idee, seine neueste Software mit einer niedrigeren Nummer zu benennen, als sie der Vor-Vorgänger hatte???)

Traktor Scratch Pro 2 – Was ist neu, was ist anders?

Es wurde viel an der Oberfläche (GUI) geschraubt, was man unweigerlich bereits auf den ersten Blick erkennen kann. Alles wirkt nun ein wenig dunkler und scheinbar moderner bzw. auf einen aktuell angesagten Look getrimmt. Da die Grundgeometrie der einzelnen Elemente und Funktionen nahezu unverändert blieb, kann ich persönlich keine bessere/schlechtere Übersichtlichkeit oder dergleichen erkennen. Wegen mir hätten sie auch die alte Farbgebung beibehalten lassen und stattdessen mehr Zeit und Arbeit in vernünftige Ausarbeitung einiger neuen und alten Features fließen lassen können. Doch dazu später mehr.
Am auffälligsten ist dabei ohne Zweifel die neue Waveform-Darstellung (mit erweiterter Zoom-Option), bei der man jetzt aus vier Modi seinen bevorzugten Typ auswählen kann, u.a. auch eine frequenzabhängige Spektralanzeige, wie sie das “feindliche” Lager aus Neuseeland ja schon seit langem gewohnt ist. Hier stößt der Umsteiger vom alten Traktor Pro schon mal auf die erste Update-Hürde, da die Stripes vom Vorgänger keine ausreichenden Informationen enthalten und deshalb neu analysiert werden müssen (persönlicher Erfahrungswert von meiner Seite: rund 5000 Files aus TSP1 auf einem Sony Vaio 2GHz Dualcore ratterten insgesamt 2 1/2 Nächte je 4 – 6 Stunden durch die neue Analysemaschine, bevor sie endlich alle T2 kompatibel waren). Sehr ärgerlich ist auch, dass diese Stripe-Informationen nun nicht mehr in den Tags abgespeichert werden und die Tracks daher auf jeder Traktor-Installation (bzw. Collection) von Neuem analysiert werden müssen. Wenn man wie ich seine Files zunächst auf dem Desktop-PC komplett vorbereitet (taggen, analysieren und gridden) und sie anschließend fertig auf den Laptop überspielt, fehlen die Waveforms und man kommt um eine Analyse nicht herum. Das war bei T1 noch anders, da konnte man einmal fertig editierte Files just in time übernehmen.
Ebenfalls den Optik-Neuerungen kann man die beiden neuen Decklayouts “Micro” und “Essential” zuordnen. Während die Micro-Ansicht das Deck auf eine winzige Gesamt-Waveform zusammenschrumpft, kann man in der Essential-Ansicht die Zeilen 2 und 3 der Deck-Details ausblenden, um so der Waveform mehr optische Höhe einzuräumen.
Einmal bei den Decks angekommen, bleiben wir gleich mal dort und bewundern die neuen Scope-Anzeigen für den Timecodebetrieb. Die drehende Platte ist nun gestrichelt statt gepunktet und eine neue Mini-Timecodesignal-Stärke-Anzeige schafft mehr Freiraum für die bunte Welle. Zuerst hab ich diesen Mini-Levelmeter wirklich lieb gewonnen, musste dann in der Praxis aber feststellen, dass er auffällig unaufällig ist und ein sich verschlechterendes Timecodesignal nur unscheinbar und sehr spät anzeigt. Während man nämlich im Kalibrierungs-Vollkreis ziemlich schnell bemerkt, ob sich zu viel Dreck unter der Nadel befindet und der Kreis dadurch immer mehr zum Hühnerausscheidungsprodukt (auch Ei genannt) mutiert, bleibt der Balken so lange “oben”, bis er schon fast schlagartig nach unten rauscht; was einem das Deck aber bereits vorher mit akustischer Rumzickerei ankündigt. Wobei ich aber dazu erwähnen muss, dass ich eine solche Situation mit stark verstaubten Vinyls bewusst provoziert habe! In der allgemeinen Praxis hat die Mini-Anzeige durchaus ihre Daseinsberechtigung und ich nutze sie trotz der genannten Erfahrung nach wie vor recht gerne – nur eben mit mehr Vorsicht als zu Beginn.

Hinter seinem neuen Kleidchen hat das Traktörchen auch zahlreiche neue Funtkiönchen versteckt. Schönchen, schönchen mag man nun denken, neue Funktiönchen sind doch immer feinchen… Das markanteste neue Feature ist der Sample-Deck Modus, der das Deck in vier separate Sample-Slots aufteilt, die sich entweder mit fertigem Material füttern lassen oder vom darüber liegenden Deck auch Loops on the fly abgegriffen werden können. Die Sample-Länge entspricht dabei der im Ursprungsdeck eingestellten Looplänge, das Sample wird unverzüglich vom Rohmaterial abgegriffen (also nicht recordet) und steht somit auf Knopfdruck in seiner vollen Länge zur Verfügung, die sich dann wiederum mehrfach halbieren bzw. verdoppeln lässt. Die Samples laufen dabei stets synchron zum Masterdeck bzw. zur vorgegebenen Masterclock, richtiges Gridding und aktivierte Quantisierung vorausgesetzt. Klingt beim Lesen ein wenig kompliziert, ist in der Praxis dafür umso intuitiver und macht ziemlich Laune. Ein nicht zu überhörendes Manko ist die fehlende Key-Correction im Sampledeck-Modus, vor allem wenn man live Loop-Samples von einem Track-Deck abgreift, auf dem die Tonhöhenkorrektur aktiviert ist und dieses Deck auf wenigstens +-2% oder mehr/weniger gepitched wurde. Andererseits würde die System-Mindestanforderung wohl nicht mehr ganz so moderat ausfallen, hätten die Sampleslots ebenfalls eine Key-Correction. Dies wären im härtesten Fall 4 x 4 Slots, sprich 16 Loops, deren Tonhöhe unabhängig voneinander auf ihr Original emuliert werden müsste – und das in Echtzeit. Von daher, kein Vorteil ohne Nachteil.
Der Loop-Recorder (der nur in den Pro Versionen zu finden ist) macht im externen Mixermodus weitaus weniger Spass als im Internen, vor allem wenn man mit dem Mastersignal arbeiten möchte. Hier ist eine gute Effektschleife im Mischpult schon fast Grundvoraussetzung, alles andere bringt eher nur einschränkende Kompromisse mit sich. Wer alle vier Decks einsetzen und dem Loop-Recorder trotzdem einen separaten Kanal spendieren möchte, kommt um eine Traktor Audio 10 eigentlich gar nicht herum. Neben dem Mastersignal lassen sich auch die (traktor-internen) Cue-Signale oder eine Aux-Quelle abgreifen, was auch im externen Modus recht komfortabel von statten geht. Im Prinzip sollte jeder selbst testen und entscheiden, ob sich dieses Feature bereichernd oder eher belastend auf seine Arbeitsweise auswirkt. Ich persönlich könnte aktuell auch ganz gut drauf verzichten.

Einige Neuerungen werden nur beim Blick in die Voreinstellungen sichtbar. So gibt es in den Audio-Settings nun die Möglichkeit, mehrere Decks auf den gleichen Audio-Kanal zu legen. Hat man z.B. nur eine Audio 4 DJ, könnte man trotzdem alle 4 Decks ausgeben, wobei sich eben je 2 Decks einen Stereokanal teilen.
Neu ist auch die Option, ein Standard-Onboard-Audiogerät zu definieren, auf das immer dann automatisch geschaltet wird, wenn kein anderes (externes) Interface angeschlossen wurde. Zum Vergleich: im “alten” Traktor musste man den Onboard-Sound immer erst manuell auswählen, wenn man zuvor ein USB-Interface angeschlossen hatte. Weiterer Vorteil dieser Geschichte ist, dass sich Traktor auch automatisch auf den entsprechenden Mixer-Modus umstellt, den man zuletzt ausgewählt hat: externer Modus bei der TA10 und sobald man diese abzieht, stellt Traktor auf Onboard mit internem Modus um.
Will man die Syncfunktion nutzen, muss man sich vorab entscheiden: Beat-Sync oder Tempo-Sync. Die erste Option entspricht der aus T1 bekannten Syncfunktion, die BPM und Phase an das Masterdeck angleicht und bei manuellem Eingriff (z.B. Pitchbend) deaktiviert wird. Den Unterschied zum neuen Tempo-Sync merkt man vor allem bei Verwendung von Timecode-Medien, denn damit kann man per Knopfdruck die Tracks auch im Scratchbetrieb angleichen, unabhängig wie die aktuelle Pitcheinstellung auf dem Player ist – und zwar dauerhaft. Scratchen, jugglen oder nudgen beeinflusst lediglich die Phase, nicht aber die BPM. Auflegen leichtgemacht, sozusagen.
“Stable BPM” nennt sich eine neue Anzeigeoption der Deck-Details, die quasi den glattgebügelten Mittelwert der aktuellen Geschwindigkeit anzeigt, ohne dabei auf jede noch so kleine Änderung zu reagieren. Praktisch ist dies vor allem im Sync- und Timecodebetrieb, denn in T2 scheint die normale BPM-Anzeige nun noch empfindlicher geworden zu sein und tanzt sehr oft wild hin und her. Die Anzeige, wohlgemerkt  – das Ohr bekommt davon kaum was mit! Angenehmer und effektiver anzusehen ist die Stable-BPM in jedem Fall.
Zu guter letzt hat man der Pro-Version noch 4 neue Effekte spendiert, die sich Tape-Delay, Ramp-Delay, Auto-Bouncer und Bouncer nennen. Somit stehen nun insgesamt 32 Möglichkeiten der Klangverbiegung zur Verfügung.

Traktor Scratch Pro 2 im Praxistest

In den letzten vier Wochen hab ich mich nun ausgiebig mit oben genannten Dingen beschäftigt und sie vor allem auf ihre Praxistauglichkeit getestet. Prinzipiell macht T2 zum großen Teil das, was es soll: nämlich Tracks abspielen. Wem das nicht reicht und deshalb eines der fünfhundertdreiundzwanzigtausend Zusatzfeatures nutzen möchte, wird in den meisten Fällen auch nicht enttäuscht werden. Auch hier läuft größtenteils alles nach Plan. Man kann sich mit dem aktuellen 2.0.1 Release (das zeitgleich zum Verkaufsstart als Update online gegangen ist) durchaus auf’s Feld trauen, ohne dass einem der Sprit ausgeht oder der Trekker in der Ackerfurche hängen bleibt – vorausgesetzt es wurden im Vorfeld alle Wartungsintervalle eingehalten, sprich alle nötigen Vorkehrungen getroffen und ein adäquater Testlauf durchgeführt.
Mir sind aber auch ein paar Kleinigkeiten negativ aufgestoßen, die in der Summe das Gesamtempfinden ein wenig nach unten drücken. Der Filter-92 Effekt (nicht der Deckfilter, sondern wirklich der von den FX) klingt nun anders und läßt sich auch nicht mehr so schön dosieren wie zu T1-Zeiten. Wegen der Spektralanzeige ist auf jedem Rechner eine eigene Analyse erforderlich, was ebenfalls ein Manko gegenüber T1 ist. Am Controller-Manager wurde nichts, aber rein GAR NICHTS geändert – manuelles Mappen von Controllern ist noch immer eine absolute Qual, weil unübersichtlich, umständlich, unkomfortabel! Da sollte wirklich dringend nachgebessert und sich vielleicht ein komplett neues Konzept überlegt werden, denn mit den neuen Features kamen ja auch neue Mapping-Befehle hinzu. Würde man diese wenigstens komfortabel auf seine Controller mappen können, wäre das ein Spaßzugewinn von wenigstens “10 BPM”.

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