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NOVATION TWITCH- Review

Was wurde der TWITCH herbeigesehnt. Nun ist er da und wir haben uns einen der Controller abgezweigt um zu schauen, ob die hohen Erwartungen erfüllt werden. 

 

 

Bei NOVATION handelt es sich um eine Abteilung von FOCUSRITE, welche vor knapp zwanzig Jahren begann, unter diesem Namen, die Welt mit analogen Synthesizern und MIDI-Keyboards zu beglücken. Der DJ-Klientel dürften die Engländer erstmals vor einigen Jahren, mit dem NOCTURN aufgefallen sein, welcher ein kleiner, kompakter und preiswerter MIDI-Controller war bzw. ist. Mit nachfolgenden Produkten, wie dem LAUNCHPAD (für Ableton) oder dem DICER (für SSL), beides Anwärter für den Titel “Klassiker”, konnte sich NOVATION  bei der auflegenden Zielgruppe gut positionieren. TWITCH ist nun die erste vollwertige DJ-Konsole aus High Wycombe. In dieser südenglischen Stadt wurde übrigens auch die Schweinskramliteratin Charlotte Roche geboren. Aber das nur nebenher.

Zurück zu TWITCH, der nicht von ungefähr so benannt ist. Konzipiert wurde (und ausgeliefert wird) die kompakt-komplette Zweidecksteuerzentrale mit SERATO ITCH. Wir erinnern uns: ITCH, ist – mal janz platt jesacht – die Controller Version von SCRATCH LIVE, die es nur mit handverlesener Hardware gibt. Dabei entscheidet die physische Komponente über den Funktionsumfang der virtuellen, z.B. auch, ob in der Software zwei oder vier Decks gesteuert werden können. Beim TWITCH sind das zwei Decks und gesteuert wird ohne Jogwheels, die gibt es nämlich nicht.

Von der Dimension passt der TWITCH gut zu einem 15″ Notebook (im Bild 13″ MBP).
Breite 35 cm, Tiefe 26 cm, Höhe etwa 3 cm. Vom Fuß bis zur Faderspitze sind es dann etwa 7 cm.  Die Oberfläche ist aus poliertem Alu, der Korpus aus Kunststoff, Regler und viele Buttons sind gummiert. Der erste Eindruck ist also ein guter.

twi_3aNOVATION hat dem TWITCH eine 24bit Soundkarte in den flachen Leib gebaut. Frontseitig finden sich die Anschlüsse für den Kopfhörer (kleine und große Klinkenbuchse) und ein Mikrofon (6,3mm Klinke). Der Gain des Mikros kann über einen kleinen Regler angepasst werden. Rückseitig gibt es einen regelbaren AUX-Eingang (Cinch, z.B. für einen MP3 Player), sowie Master Out (symmetrisch / Klinke) und Booth Out (Cinch). Das Signal für den Booth kann bei Bedarf auf  “Master” umgeschalten werden. Die Spannungsversorgung erfolgt ausschließlich über USB.    

Auf der Oberfläche sind in schöner Gleichmäßigkeit Poties, Endlosdrehregler, Fader, Pads, Tasten und Touchstripes verteilt. Ein klassischer Aufbau mit zwei Decks und mittigem Mixer. Jeder der beiden Mixerkanäle verfügt über einen Linefader, einen 3-Band EQ, einen Gain (Trim) Regler und einen Cue-Button, zur Auswahl des vorzuhörenden Signals. Dazu kommt noch ein Fader Effekt, auf den ich später näher eingehe.  Ein Crossfader rundet die Mixersektion ab.  Bei unserem Testgerät fallen die EQ-Poties als recht schwergängig auf. Die Linefader scheinen das ausgleichen zu wollen und gehen, für mein Gefühl, einen Tick zu leicht.

Die Decks sind unterteilt in A und B, logischerweise mit gleichen Funktionen. Der obere Teil der rechten Seite beherbergt die Mastersektion (Master, getrennt regelbarer Booth, Cue-Volume, Cue-Mix) und die Navigationselemente für das browsen (gibts da eigentlich ein deutschen Begriff für?) in der Software.

twi_5aLinks oben findet man die Master-Effektsektion (hier lässt sich ein weiterer Effekt detailliert steuern). Ein Potie und zwei Taster widmen sich, bei an der Rückseite per Schalter ausgewähltem “Direct Monitoring”, dem Volumen, dem Cue-Status und der Aktivität (on/off) der bereits erwähnten zusätzlichen Eingänge (Mikrofon / Aux).

Im Zentrum der Decks, unter der Transportsektion (mit Play/Pause, Cue, Transport Modes, kleiner Pitchregler, Keylock, Sync und Beatgrid) befindet sich jeweils ein 10cm breiter Touchstripe. Der ist multifunktional und mit den darunter liegenden acht Triggerpads essentiell für die Arbeitsweise von TWITCH. NOVATION verkündet einen “komplett neuen Ansatz für das DJing”. Dick aufgetragen, aber tatsächlich geht das slicen, neuarrangieren und “effektieren” von Tracks einen Schritt weiter in Richtung “Liveremixing”. Zwei Tracks mittels der vorhandenen, kleine Pitchpotis anzupassen ist möglich, aber nicht Konzept des Gerätes. Kurz gesagt: sync sticht pitch. DJs, deren Weitblick bei exakt 8% liegt, werden das als Verrat der reinen Lehre sehen. DJs, die in Abletons Sessionansicht Dutzende Clips mischen, werden das Konzept mit zwei Decks und 16 Pads als zu eingeschränkt empfinden. Zwischen den Lagern ist aber viel Raum, in welchen der TWITCH vorstoßen kann.
Kommen wir zur Software. ITCH läuft unter OSX ab 10.5.8 und Windows XP SP2 oder WIN7. VISTA wird überhaupt, LION noch nicht unterstützt! Generell freundet sich der TWITCH mit jeder MIDI-fähigen Software an. Für TRAKTOR gibt es auch Presets und ein Overlay liegt bei. Seine Stärken dürfte der Controller aber mit dem Programm ausspielen, auf das er zugeschnitten ist: SERATO ITCH. Kein mappen, kein routen, nur plug & play. Anstelle der auf CD mitgelieferten Version 1.8, sollte man auf die aktuelle 2.0er zurückgreifen, die mit neuen Features und einem frischeren Layout aufwartet. Immer wieder erwähnt werden muss, dass SERATO seine Software (und auch Updates) kostenlos anbietet. Damit man aber die Programme nutzen kann, ist zwingend passende Hardware erforderlich. In deren Preis ist sozusagen die Software enthalten. Die Hardware entscheidet auch, was in einem Programm an Features zur Verfügung steht. Der Vorteil dieser “Einheitsidee”: einfaches und intuitives Handling, sowie eine stabile Integration ins Gesamtsystem. Nachteil: neue Funktionen in der Software erfordert mitunter auch neue Hardware. So geschehen beim NS7, als die Effekte in ITCH dazu kamen. Oder am aktuellen Beispiel: ITCH 2.0 verfügt nun über einen Sampleplayer. Der kann aber nur über Tastaturshortcuts angesteuert werden. Einfach(!) einen MIDI-Controller mappen geht nicht. Eventuell per Translatorprogramm, aber das führt uns zu weit weg vom Thema, welches da heißt: TW / ITCH.

Wie schon erwähnt stehen in ITCH zwei Decks zur Verfügung. Bei der Ansicht lässt sich zwischen vier Layouts sowie den Modi Day (hell) und Night (dunkel) variieren. Über das Setup kann die Soundkarte, das Verhalten der Software bei bestimmten Aktionen und die Position der Waveforms konfiguriert werden. Auch Einstellungen zum Hardwaremixer (Crossfader, EQ, Faderkurven etc.) sind an dieser Stelle möglich. Über den Headroom wird auch das Ansprechverhalten des internen Limiters beeinflusst.

Zwischen den Decks und dem Browser finden sich die Details der Features, im Einzelnen: Record, Effekte, Mic/Aux-Eingang und Sampler SP6. Von besonderem Interesse sind hierbei die Effekte, welche – wie bereits angerissen – in Fader FX und Master FX unterteilt sind. Als Fadereffekte werden Delay, Flanger, HPF, LPF, Phaser, Repeater und Echo angeboten. Master FX bietet zusätzlich dazu noch  Reverb, Braker, Reverser, Tremolo und Crusher.  Wo liegt nun der Unterschied? Der Fader Effekt wird direkt im Kanalzug per Pushencoder ausgewählt und aktiviert. Der Linefader fungiert anschließend als Dry / Wet Regler und mit dem Encoder lässt sich ein Effektparameter ändern. Der Mastereffekt arbeitet hingegen konventionell. Der gewählte Effekt kann Deck A, Deck B, dem AUX oder dem Master zugewiesen und es können, per Pushencoder, mehrere Parameter  moduliert werden. Mit der Kombination beider FX-Arten hat man ausgesprochen kreative Trümpfe im Ärmel.

Eine weitere Möglichkeit zur Einflussnahme auf den Track hat man mit den Touchstripes und Pads. Der berührungsempfindliche Stripe bewerkstelligt unterschiedliche Dienste. Einmal gibt es die Transport Modes “Swipe” und “Drop”. Wenn man sich den in der Software geladenen Track auf den Stripe aufgeteilt vorstellt, kann mit “Drop” die Position im Track gewechselt werden. Vergleich wäre der absolute Mode bei einem DVS. Ein zweiter Tastendruck aktiviert schnelles vor- oder zurückspulen über den Stripe. Die aktuelle Position wird dabei auch visualisiert. Unter “Swipe” kann ein laufender Track so angeglichen werden, wie mit einem Plattenspieler, über abbremsen und anschieben des Tellers. Durch zweimaliges drücken gelangt man in einen “Scratch Modus”, was dem vor- und zurückschieben einer Platte entspricht. Außerdem lassen sich über den zehn Zentimeter breiten Streifen der Beat Grid anpassen, als auch die Looplänge und die der Slices beeinflussen.

Womit wir beim nächsten Thema wären. Unter den Stripes befinden sich je acht Pads, welche variabel, dem antriggern von Hot Cues, Loop Rolls, Auto Loops oder Slices dienen.  Vier Performance Modes schalten die jeweilige Funktion scharf. Ein Druck auf “Hot Cues”, anschließend eins der (dabei dann gelb illuminierten) Pads betätigt und der Cuepunkt ist vermerkt. “Shift” und ein erneuter Druck auf dieses Pad entfernt den Cuepunkt. Auto Loop und Loop Roll sind zur Unterscheidung grün leuchtend hinterlegt. Der Loopbereich ist, in vier Ranges zwischen 1/32-4 Beats und 1/4 – 32 Beats per Touchstripe voreinzustellen. Hernach liegt der höchste Wert auf Pad 8, der niedrigste auf Pad 1 und alle anderen dazwischen, so dass ein Loop via Pads verkürzt und verlängert werden kann.
Ähnlich funktionieren die Slices, welche im Prinzip eine Kombination aus Cuepunkt und Loop sind. Bei aktiviertem Slicer Mode wird die Wiedergabe fortgesetzt, der zwischen zwei Zeitleistemarkern liegende Part wird aber in acht gleichgroße Stücke geteilt, welche dann über die acht Pads angewählt werden können. Das gerade zu hörende Teilstück ist in der Waveform rot hervorgehoben, das entsprechende Pad leuchtet ebenfalls kurz auf.  Drückt man eins der Pads, läuft das dazugehörige Teilstück im Loop. Läßt man los, läuft der Track normal weiter. In einem zweiten Modus (doppelter Druck auf “Slicer”) wird sofort ein Loop erstellt und in acht Teilstücken unterteilt. Auch hier kann man über die Pads das jeweilige Loop anwählen, der Track läuft aber erst weiter, wenn man durch erneuten Druck von “Slicer” das Loop deaktiviert. Der Unterschied ist also ähnlich, wie der zwischen “Auto Loop” und “Loop Roll”. Über einen sogenannten Domain Wert und mit Hilfe der Stripes lassen sich die Slices verkleinern bzw. vergrößern.

Vor den Einsatz von Loops und Slices hat der Herrgott, genauer seine willigen Diener in Auckland, das “gridden” gesetzt. Zumindest macht das Sinn, wenn das Ergebnis stimmig sein soll. ITCH errechnet bei der Fileanalyse einen durchschnittlichen BPM-Wert und setzt auf dessen Basis Beat Grids. Dabei handelt es sich um Marker, die, über die Waveformansicht gelegt, Beats oder Transienten hervorheben.  Eine Kontrolle und manuelle Nachbearbeitung ist angebracht, um eine taugliche Grundlage für Loops, Slices und nicht zuletzt die Sync-Funktion zu schaffen. Der Ansatz des TWITCH ist ja nicht manueller Trackangleich während des Auftritts, sondern ein Umarrangieren der Tracks. Zumindest würde ich das so sehen.

Bleibt das Fazit: TWITCH ist ein interessantes Gerät, welches einiges an Möglichkeiten bietet. Die Verwendung von Loops, Effekten und Cues ist nicht neu, auch so etwas wie die Slices kennt man schon. Allerdings ist die Verbindung von Hard- und Software auch in diesem Fall ein großes Plus.  Ideal dürfte NOVATIONs Schöpfung für jene sein, die relativ kurze, pfiffige Sets, und in diesen mit den Möglichkeiten der Software spielen. Das erfordert Vorarbeit und sollte nicht mit einem Playback verwechselt werden. Ganz im Gegenteil: 120 Tracks in sechzig Minuten zu verquirlen, dürften anstrengender zu realisieren sein, als acht perfekt angeglichene und eingefadete Trancetracks in der selben Zeit. Letztlich zählt was hinten rauskommt, ums mit Helmut Kohl zu sagen.

Die Hardware überzeugt weitgehend. Zu bemängeln sind, da nicht nur an unserem Testgerät ein Wermuthstropfen, die schwergängigen EQ-Poties. Nach unserer Einschätzung schafft eine Nachbearbeitung oder ein Austausch der Faderkappen Abhilfe. Zustand ist das aber keiner. Unglücklich überschnitten hat sich (wie das naturgemäß meist so ist) das Erscheinen der neuen ITCH Version mit dem TWITCH. Da wünscht man sich glatt noch einen fünften Performance Mode, um die Pads auch für den Sampler nutzen zu können. Eventuell ändert sich das mit einem Update.  Die Software hat optisch einen großen Schritt nach vorn gemacht. Mir persönlich fiel nichts negatives ins Auge. Allerdings gibt es Leute denen es anders geht, die über Latenzen klagen.

In der Praxis findet man sich sowohl in der Software als auf der Hardware schnell zurecht. Mit den Fadereffekten lässt sich einiges anfangen, auch die Slices-Funktion gefällt. Um diese optimal einzubinden, ist aber nicht nur schon erwähntes gridden notwending, sondern auch eine Beschäftigung mit der Beeinflussung über die Stripes. Gewöhnungsbedürftig ist für mich, dass man in den Deckinfos (bei Pitch im aktiven Sync/Auto-Modus) nicht das Originaltempo des Tracks sieht, sondern das geänderte. Da hat mich meine gewohnte SSL-Ansicht zu sehr konditioniert, bei welcher die Info das Ausgangstempo zeigt und das virtuellen Deck das aktuelle laufende.

Apropos “Pitch”. Der Regler für das rechte Deck ähnelt verdammt dem knapp darüber gelegenem Scroll-Encoder, was gelegentlich zu Fehlgriffen einlädt. Mit etwas Eingewöhnung und Konzentration dürften die kleinen Stolperfallen allerdings zu umgehen sein.

Insgesamt ist TWITCH eine Empfehlung wert. Die Neuerfindung des Rades ist das nicht, eher der Versuch der Etablierung eines neuen Profils. Das kann man schon mal austesten, zumal der Preis mit 469 Euro fair, und ein nicht unwesentlicher Grund für die Empfehlung ist. Einsteiger oder mobile DJs, die nicht so viel mit den erwähnten Fachbegriffen anfangen können oder die sich der von mir oben vermuteten Zielgruppe fern fühlen, dürften hier eine kostengünstige und schnell einsatzfähige All In One Lösung finden. Selbst mit anderer Software ist der TWITCH zu betreiben. Ein Review mit TRAKTOR folgt. Nur wer unbedingt ein Jogwheel braucht, der sollte seinem Rad weiterhin das übliche Profil aufziehen.

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