links PIONEER rechts TECHNICS

PIONEER PLX 1000 – Erstkontakt

Nach 60 Jahren im HiFi-Bereich versucht sich PIONEER an einem DJ-Plattenspieler. Nicht nur das, der PLX-1000 soll Nachfolger des TECHNICS SL-1210* werden. Des Königs, der bekanntlich unlängst verstarb.

Seit Ende der 70er Jahre bestimmen Turntables von TECHNICS das Bild in den DJ-Kanzeln dieser Welt. Marktführer, Clubstandard, Alleinherrschaft. *Umgangssprachlich “ZWÖLFZEHNER” genannt, gibt es eigentlich verschiedene Version. Einmal 1200 (silbern) und 1210 (schwarz), technisch weitgehend identisch. Dem UrTECHNICS SL-1200 von 1972 folgten – um die häufigsten zu nennen – MK2 (ab 1979) und MK5 (mit diversen kleinen Änderungen, ab 2002). Vor drei/vier Jahren lief eine Schockwelle durchs Netz. “Der 1210er wird nicht mehr produziert“.  Ende Gelände. Aus und vorbei, die DJ-Welt wird untergehen!

TECHNICS Stammbaum

TECHNICS Stammbaum

So kam es nicht. Gebrauchte TECHNICS, die als unverwüstlich gelten, sind weiterhin zu haben. Mitunter auch neuwertige, zu exorbitanten Preisen. Einzig eine echte Alternative fehlte bisher, trotz zahlreicher Versuche der Mitberweber. Weder RELOOP, noch NUMARK, STANTON, SYNQ oder VESTAX konnten sich am Markt durchsetzen. Und dass, obwohl deren Geräte mit zeitgemäßen Features und niedrigeren Preise auftrumpften.  Jetzt soll der TECHNICS-Ersatz ausgerechnet von der Firma kommen, die mit ihren CD-Playern maßgeblich mitverantwortlich ist, für das Verschwinden der Vinylkultur im DJ-Bereich. Keine Anklage, eine Feststellung. Die Betonung liegt auf der Vorsilbe “mit“.  TECHNICS und PIONEER, beide Firmen kommen aus Japan, gehören aber zu unterschiedlichen Konzernen. Allerdings gab es in der Vergangenheit einige Überschneidungen. Ein entscheidender Punkt! Ist TECHNICS-Technikwissen zu PIONEER abgeflossen? Präziser: Wieviel 1210er steckt im PLX-1000?

PLX-1000 vs SL-1210MK5

PLX-1000 vs SL-1210MK5

Optisch sind die Paralellen unübersehbar. Eine erfolgreiche Vorlage aufzunehmen ist logisch. Auch andere, sogenannte OEM-Nachbauten, versuchten bereits sich den Anschein eines TECHNICS zu geben. PIONEER ist diese Umsetzung gut gelungen, der PLX-1000 sieht, mit seiner polierten und schwarzlackierten Aluminiumoberfläche aus, wie eine dezent aufgefrischte Version des 1210er, Modell MK5. Das zieht sich von den Dimensionen bis zu Details, wie der im Gehäuse eingelassenen Systemhalterung oder der versenkbaren Nadelbeleuchtung.

Abnehmbare Kabel. Pluspunkt.

Abnehmbare Kabel beim PLX-1000. Pluspunkt.

Gibt es überhaupt Unterschiede? Die gibt es, wenn sie auch nicht sofort auffallen. In aller Kürze: Das Gewicht des PIONEER liegt mit 13,1kg etwas über dem des TECHNICS (12kg). Positiv: Alle Kabel des PLX-1000 sind abnehmbar, was einen der typischen TECHNICS-Schwachpunkte ausschaltet. Durch die beiden vergoldeten Cinchbuchsen an der Geräterückseite, lassen sich hochwertigere oder auch längere Kabel verwenden. Für die Erdung ist noch immer ein eigener Leiter notwendig. Zudem wird dieser mit der selben nervigen Schraube verbunden, die schon bei den PIONEER DJM-Mixern zu Verzweiflungsanfällen führte. Hätte man das nicht mit der Erdung im Stromkabel – bei PIONEER ein Kaltgerätestecker – kombinieren können? Oder zumindest die kleine Schraube mit einer größeren Rädelmutter versehen können? Kein wirklicher Kritikpunkt, aber einer zur möglichen Verbesserung. Witzigerweise ist an der Rückseite ein Kensington Lock angebracht, was mir die Story vom DJ in Erinnerung ruft, dem beim Plattenraussuchen angeblich der Turntable geklaut wurde. Da kann man beim PLX-1000 vorbeugen. 😀

Ansonsten ist rein äußerlich nur festzustellen, dass der Start / Stop Button bei PIONEER, wie bei deren CD-Playern, rund und hintergrundbeleuchtet ist. “Da ist ein Licht, es leuchtet blau frei nach Rambo.  Nicht nur der Startknopf ist blau illuminiert, auch das Strobolicht im “Powerschalter” und die Wahltasten für 33/45 RPM sowie die Anzeige des aktiven Pitchbereichs. Das Nadellicht ist hingegen weiß und die Reset-LED des Pitch grün. Was mag wohl der Grund dieser Dreifarbigkkeit sein?.

Noch mal zurück zum Pitch: Wo der TECHNICS einen analogen Pitchfader hat, setzt PIONEER auf digital. Dafür ist man nicht auf +/-8% beschränkt, sondern kann zusätzlich auf +/-16% und +/-50% umschalten. Der Reset auf 0% erfolgt, wie beim 1210 MK5, mittels Taste.  Die versenkbare Nadelbeleuchtung wurde  ebenfalls vom TECHNICS abgeschaut. Was etwas wundert, denn bekanntermaßen ist ein Auswechseln des Leuchtmittels umständlich und andere Hersteller verbauen Lösungen, die einen Austausch im Fall der Fälle unkomplizierter gestalten. Wie schon beim Erdungskabel ist auch dieser Einwand eher als Verwunderung, denn als wirkliche Bemängelung zu verstehen. Sehen wir es so: Der PLX-1000 versucht so eng wie möglich an den 1210 zu kommen. Was hervorragend gelingt, zumindest optisch.

Damit ein kurzer Abstecher zum Innenleben, wobei ich mich hier auf vorliegende Daten beziehe. Obige Übersicht macht es deutlich, PIONEER und TECHNICS sind sich nicht unähnlich. Der Klassiker verbucht eine geringere Gleichlaufschwankung (0,01%) und den besseren Rumpelfaktor (-78dB) für sich. Dafür hat der Neuling einen stärkeren Startdrehmoment und die bereits erwähnten Pluspunkte: abnehmbare Kabel und erweiterter Pitchbereich.

links PIONEER rechts TECHNICS

links PIONEER rechts TECHNICS

Eine direkte Gegenüberstellung von Plattenteller und Tonarmbasis (Bild oben) zeigt Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Leider läßt sich aus den Äußerlichkeiten nicht viel herleiten.

Gummi schützt! Auch vor Störeinflüssen.

Gummi schützt! Auch vor Störeinflüssen.

Es bleiben einige Fragen, die sich bei diesem Erstkontakt nicht aufklären lassen. Laut eigenen Angaben hat PIONEER in die Optimierung des Tonarms investiert. Dieser ist, neben der Entkopplung, ein wesentlicher Grund für den legendären Ruf des TECHNICS. Kann die PIONEER-Entwicklung da anknüpfen? Laut Aussage des Herstellers ist zudem das Chassis mit Gießharz und Dämmstoffen gegen Vibrationen geschützt. Klingt vielversprechend, sollte aber in der Praxis geprüft werden. Bei der Gelegenheit auch andere Punkte: zum Beispiel, ist die Gleichlaufschwankung tatsächlich so unterschiedlich, wie es die Zahlen nahe legen? Wie verhält sich der Pitch? Was überwiegt? Eigene Konzepte oder OEM-Technik von der Stange? Wie schlägt sich der PIONEER im harten Cluballtag? Und nicht zuletzt: Wird er auch zwanzig und mehr Jahre überstehen, wie ein TECHNICS? Antworten auf einen Teil der Fragen werden wir in einer Fortsetzung dieses Reviews geben. Bis dahin bleibt nur ein erstes Fazit.Fazit: PIONEERS PLX-1000 überzeugt optisch und haptisch. Böse Zungen munkeln, das unter der edlen Oberfläche ein einfaches Hanpin-Herz schlägt. Das ist die chinesische Company, die die mehrfach erwähnten OEMs produziert. Und für diese Vermutung sprechen Motorspezifikationen, die sich mit  Hanpins DJ-5500 überschneiden. “Produced in China” steht auch auf dem PLX-1000. Laut einiger Quellen im Netz wurde selbst der TECHNICS MK5 teilweise in China hergestellt, was ich nicht bestätigen kann. Meine tragen ein “Made in Japan” Schild, ebenso wie meine MK2.

Unabhängig von der Herkunft: Der erste Eindruck ist grundsolide, wenn auch frei von jeglichen Überraschungen. Ich bin weit weg davon ein Fanboy zu sein. Trotzdem bleibt festzuhalten: geschäftlich ein cleverer Zug von PIONEER. Scheinbar eine ökonomische Kombination aus OEM und Eigenanteil an entscheidender Stelle (Tonarm, Chassis), die genau die Ansprüche erfüllt, die die meisten an einen “TECHNICS-Nachfolger” haben. Was nicht nur DJs einschließt, denn im aktuellen Vinylhype sucht auch der vollbärtige Hipster nach rustikalem Abspielgerät für seine Bon Iver Platte. Wenn das noch ein PIONEER-Logo hat, umsobesser. And remember! Ein vierzig Jahre altes Konzept ist hier die Grundlage. Also: Back To Basics.Was fehlt? Anno 2014 hätte vermutlich niemand etwas gegen einen Ausgang mit Line-Level gehabt. Das nur exemplarisch. Weitere etwaige Wünsche? Ein zweiter Startbutton, einstellbares Anlauf- und Bremsverhalten, 78 Umdrehungen, MIDI-Funktionen und für die Progressiven, irgendeine Art DVS-Integration. Alles Features die man heute an vielen Turntables findet. Nützlicher Mehrwert, der einen Plattenspieler aber in der eigentlichen Funktion nicht unbedingt besser macht. Das ist der Punkt und genau diese Grundaufgabe soll der PLX-1000 erfüllen: Platten abspielen. Wie ein TECHNICS. Genau wie ein TECHNICS. In der Theorie habe ich da keine Einwände, der Praxistest steht fürs Wochenende an. Ich gehe auf Risiko und stelle meinem 1210MK5 den PLX-1000 zur Seite. Mal sehen wie er sich schlägt.

PS1: Preislich liegt der PLX-1000 bei 699 Euro. Viel Geld für einen Plattenspieler. Wenn er aber ewig hält relativiert sich das. Auch lese ich bei der Diskussion um die Wiederauflage des TECHNICS nirgends raus, dass es da am Geld scheitern könnte. Oder anders: Warum nochmal haben sich die ganzen Heinis, die den 1210er zurückfordern, vor vier Jahren keinen gekauft? Bringe die Buchstaben Z U T E U E R in die richtige Reihenfolge!

PS2: Zuletzt ein Thema welches bisher gar nicht Erwähnung fand. Obwohl es essentiell ist: der Klang. Ein Turntable, bei dem man goldene Kabel anstecken kann, macht doch bestimmt auch guten Sound. Oder? Vielleicht, so die gesamte Kette von System und Nadel, über den Tonarm, die Kabel, den Mixer, die Verstärkung, bis zu den Lautsprechern stimmt. Ach der Raum spielt auch noch rein … und und und. Ein Thema, welches ich an dieser Stelle bewusst ausgliedere. Viele Faktoren, viele Meinungen, viel Halbwissen … welches wir an anderer Stelle gern mal vertiefen können.

Der PIONEER PLX-1000 kommt inklusive Slipmat, Gummimatte, Staubcover, Headshell, Shell-Zusatzgewicht, Singleadapter und Bedienungsanleitung. Alles was zum Soforteinsatz fehlt ist ein System, das ist nicht im Lieferumfang.

PIONEER PLX-1000 im Angebot von THOMANN
Produktseite bei PIONEER (deutsch)

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