truth_hurts

Truth Hurts “Addictive”

Ein kleines Lehrstück über fern liegende Wurzeln von Pophits, Urheberrechte und gegenseitige, musikalische Befruchtung. Weltweit.

Erstmalig trat Shari Watson, wie TRUTH HURTS bürgerlich heißt, an der Seite von BUSTA RHYMES in Erscheinung. Zu hören war sie im Background zu dessen Hit “Break Ya Neck”. Der enthielt neben deutlichen Lyrics auch Verweise auf “Give It Away” von den RED HOT CHILI PEPPERS. Der Beat eines BUSTA RHYMES Tracks wiederum – “Fire It Up”, mit hörbar geklautem “Knight Rider” Sample –  wurde von PANJABI MC in dessen “Mundian To Bach Ke” eingebaut. Die Mischung aus Bhangra und Hip Hop Beats verbuchte Ende der Neunziger einen veritablen Erfolg und schlägt heute, im richtigen Moment gezündet, noch immer massiv auf dem Dancefloor ein.

Eng verknüpft mit BUSTA RHYMES ist Aftermath Entertainment, 2004 wechselte er zu dem Label des DR.DRE. Und just dort erschien einige Zeit zuvor, im April 2002,  “Addictive”, die Debütsingle von TRUTH HURTS featuring RAKIM.

Die Produktion von DJ QUIK basiert auf einem markanten, indischen Sample. Grundlage ist “Thoda Resham Lagta Hai” gesungen von LATA MANGESHKAR. Diese Komposition von Bappi Lahiri stammt aus dem Bollywood-Film “Jyoti” von 1981. Angeblich ist DJ QUIK beim Zähneputzen darauf gestoßen und hat schnell den Videorecorder angeworfen.

Auch den Drumbreak hat er entliehen. Quelle dafür ist das funky “Do It (‘Til You’re Satisfied)” von B.T. EXPRESS (1974). In Kombination mit dem Gesang von TRUTH HURTS ein exotisch angehauchter R`nB / Hip Hop Smasher, mit Top 10 Platzierungen in vielen Ländern.

Kein Welthit, aber über den indischen Musikkritiker Narendra Kusnur drang der Erfolg zur Saregama durch. Das war die Plattenfirma, welche die Rechte an dem Song von LATA MANGESHKAR hielt und die man nicht gefragt hatte. Versuche gab es wohl, allerdings war der Song selbst in Indien in Vergessenheit geraten. Was Saregama nicht abhielt eine 500 Millionen Dollarklage gegen Aftermath und deren Muttercompany Universal anzustrengen. Zudem sollte das Sample nicht mehr verwendet werden dürfen, da RAKIMs Raptext und Phrasen wie “He Makes Me Scream” oder “I Like It Rough” dem kulturellem und religiösem Empfinden der Inder widersprechen könnten. Komponist Lahiri sprach von “Kulturimperialsmus” und verlangte eine MIllion Dollar. Es war wohl der erste Fall, in dem die indische Musikindustrie der westlichen Seite ein Plagiat unterstellte. Nicht verwunderlich, war es anderseits doch nicht ungewöhnlich, dass Bollywood ganze Filme adaptierte.

So scheint es fast eine zwingende Folge, dass “Addictive” eine Antwort in Hindi-Pop erhielt. Oder auch nicht, denn hier widersprechen sich die Quellen. Während einige den Song “Kaliyon Ka Chaman” von DJ ANAND featuring SHASHWATI als “nach Addicitve” benennen, gibt es andere, die seine Veröffentlichung auf 2000, also “vor Addictive” datieren. Fakt ist: es gibt eine Coverversion von “Thoda Resham Lagta Hai” , produziert mit schweren Anleihen bei DJ QUIK und TRUTH HURTS, inklusive ähnlichem Video. Oder andersrum. Erklärbar wären die unterschiedlichen Angaben dadurch, dass es bereits eine Coverversion gab, die nach dem Erfolg von “Addictive” reaktiviert wurde.

Damit nicht genug und ein Schwenk von Indien nach Westindien. Große Antillen, Jamaika. Ende 2002 nahmen Computer Paul bzw. Byron Murray und Clifford Smith den Faden auf. Es folgte eine Adaption von “Addictive”. Der Indian bzw. Bollywood Riddim, mit zahlreichen großen Namen der jamaikanischen Dancehallszene. Indien lag schwer im Trend in der Karibik. Besonders der, nach dem Lichterfest der Hindus benannte, Diwali Riddim verbuchte über SEAN PAULs “Get Busy”, WAYNE WONDERs “No Letting Go”  oder LUMIDEEs “Never Leave You – Uh Oh” Riesenerfolge.

Aber nicht nur das indische Sample wurde weiterverarbeitet. Auch TRUTH HURTS Gesang fand Eingang in andere Produktionen. Schön zu hören bei MAGA BO featuring ALIF. Der in Brazilien lebende Amerikaner und die Hip Hop Ladies aus Senegal erweitern die Idee um klassischen Streicherbombast und afrikanische Gesangsführung im Refrain.

Wieviel Dollar eigentlich letztlich zur Saregama floß ist nicht belegt. Es gab kein öffentliches Urteil in dem Prozess, offenbar einigten sich die Parteien außergerichtlich.  Interessant ist, wie Sampling vergessene Schätze heben kann. Vermutlich ist DJ QUIK nicht ganz unschuldig am filmischen Interesse an Bollywood, welches folgte. Und spätestens an dieser Stelle hätten die eigentlichen Urheber dazugewonnen.

Von uns vorgestelltes DJ Equipment könnt Ihr hier günstig kaufen!

 

Neueste Beiträge des Autors: