Einsteiger Wissen Controller

FAQ – Wie als DJ-Einsteiger beginnen? (Teil 4)

Sie sind vermutlich zahlreicher als Plattenspieler und haben es trotzdem nicht geschafft diese flächendeckend in Clubs zu verdrängen: Controller. Das Thema im vierten Teil unserer Reihe für DJ-Beginner.

 

Eine steile These, die ich da zum Einstieg aufstelle. Man müsste klären, was genau als Controller zählt, über welchen Plattenspieler wir reden und wie sich ein Club definiert. Keine leichte Aufgabe. Unweigerlich kommt man zudem zum Grabenkampf von Digital gegen Analog und zum Reizthema Sync. Schöne Aussichten, doch erstmal zurück auf Start, in dem Fall zum vorangegangenen Teil 3 dieser Reihe: DVS.

Digitale Vinyl Stysteme (DVS) machen es möglich mit Vinyl ein MP3 zu steuern. Dies läuft in einer Software, die wiederum braucht einen Rechner und alles Equipment zusammen benötigt viel Platz in der DJ-Booth sowie einiges an Geld bei der Anschaffung. Zudem ist der technische Ablauf mitunter so störanfällig, wie nervenaufreibend. Heute weniger als früher. Und nicht zu vergessen, es wächste eine Generation heran, die zwar MP3s kennt, aber Vinyl nur vom Hörensagen. Bedingungen, welche DVS zur Brückenlösung oder – um mich selbst zu zitieren – zum Methadonprogramm machen. Bei aller Geilness (wat ä wort) der retromodernen Kombi Software und Schallplatte – der Trend geht seit Jahren zur All In One-Lösung. Zum Controller.

BPM-Studio BedienteilEine der ersten DJ-Softwarelösungen nannte sich BPM-Studio. BPM hatte eine Fernsteuerung: RCP irgendwas – sogar schon mit Display. Die Hardware kommunizierte anfänglich über die serielle Schnittstelle eines Rechners, später über USB, mit dem zugehörigen Programm. In Form und Funktion schwer an das Bedienteil eines 19″ Doppel CD-Players angelehnt, konnte man so die Software steuern. Damit hatte sich ALCATECH, das war der Hersteller, eine gar nicht mal so schlechte Position am Markt erarbeitet. Besonders für eine kleine Firma, nahezu eine One Man Show und der Mann dahinter hatte wirklich Visionen. Nur nicht in einem Punkt. Das war der Anfang vom Ende und wie dieses hatte er vier Buchstaben: MIDI.

MIDI Anschluss

Vor mehr als dreißig Jahren wurde “Musical Instrument Digital Interface” eingeführt. Kurz MIDI oder zu deutsch “Digitale Schnittstelle für Musikinstrumente”. Ursprüngliches Ansinnen war die Steuerung von Synthesizer B über die Tasten von Synthesizer A. Grob gesagt wurden beide Synthies mit einem Kabel verbunden, über welches Daten mit einer Auflösung von 128 Stufen übertragen wurden. Lange Zeit Industriestandard, kam dieses Protokoll und seine Erweiterungen spätestens bei der Nachbildung komplexerer Vorgänge (z.B. Jogwheels eines DJ-Controllers) an seine Grenzen. Doch damit greife ich voraus und beende hier erstmal den Ausflug ins Theoretische. Man sollte sich nur eins merken: Zwischen einer Hardware und einer Software vermittelt ein Protokoll und es werden Daten gesendet. Ignoriert man das, hat man zwar einen Controller und eine Software connected, nur passiert nichts, wenn man auf “Start” drückt. “Man kann die Realität ignorieren, aber nicht die Konsequenzen der ignorierten Realität ignorieren.” Zitat: Ayn Rand.

Hercules MP3 ControllerDie ersten Controller, die mir unterkamen waren Kopien des typischen DJ-Triptychons aus Plattenspielern und Mixer. Nur en miniature, aus Kunststoff und mit dem Flair eines Fisher Price Spielzeugs. Geräte wie NUMARKs Total Control oder HERCULES Control MP3 (Werbeslogan: “DJ sein ist hip und trendy”) erinnerten irgendwie an die Steuereinheit eines Modelflugzeugs. Das  Bild änderte sich erst mit dem VCI100 von VESTAX. Ein japanisch minimalistischer Meilenstein ummantelt mit Metal und zugeschnitten auf zwei Decks in der Software TRAKTOR.Vestax VCI100Später wurde die VCI-Reihe von VESTAX, nahezu exemplarisch, bis zum Overkill ausgebaut. Aus zwei Decks wurden vier, Effektsektion oder Performancepads kamen hinzu, eine Soundkarte wurde ins Gehäuse eingebaut. Gefühlt gab es mit jeder willigen Softwarebraut einen Hochzeitsversuch. Naturgemäß hinkte die Hardware dabei den neu hinzugekommenen Programmfeatures hinterher. Einen Zustand den NATIVE INSTRUMENTS ausnutzte. Dem hauseigenen TRAKTOR wurden fortan eigene Controller zur Seite gestellt. Woraufhin sich die anderen Hersteller neue Spielkameraden suchen mussten. Viele gab es nicht: SERATO, VIRTUAL DJ, MXDECKS und ein speziellen Fall namens ABLETON.Mixtrack vs Mixtrack ProAls Intermezzo eine Preisfrage: Was unterscheidet den NUMARK Mixtrack vom Mixtrack Pro? Ist der Pro für Profis oder steht es für das Lateinische “mit”? Wohl nicht, denn dann würde er Mixtrack “Cum” heißen. Der Unterschied liegt nämlich bei der eingebauten Soundkarte. Hier sollten Einsteiger erneut aufmerken: Habe ich einen Controller ohne eigenes Audio Interface, kann ich zwar die Software steuern, höre aber günstigstenfalls das Mastersignal über die Soundkarte meines Rechners. Das ist qualitativ mäßig, zudem kann man nicht vorhören. Alternativ läßt sich natürlich eine externe Soundkarte nutzen, die benötigt aber einen zusätzlichen (USB-)Port am Rechner, erfordert technische Grundkenntnisse (Stichwort Routing) und man kann sie auch mal irgendwo liegenlassen. Also – und das ist der Tipp – ziehe man einen Controller mit eingebautem Audio Interface in die engere Auswahl.

Wie aber wählt man überhaupt den passenden Controller (gern und fälschlich auch Mixer oder Mischer genannt) aus? Im Gegensatz zu meiner sonstigen Ansicht den Bauch entscheiden zu lassen, würde ich in diesem Fall den Kopf voranschicken und sondieren, wohin die Reise gehen soll. Will ich nur mit zwei Decks Titel abspielen? Benötige ich Jogwheels? Möchte ich vier Decks oder Samples und Loops verwenden oder Songs “remixen”? Möchte ich ganz viele Effekte nutzen? Soll externes Equipment oder ein DJ-Buddy eingebunden werden? Will ich ein kompaktes Gerät oder einzelne Module? Vor allem: Welche Software bringt mich meinem Ziel näher? Vorm Kauf einer Hardware sollte man unbedingt verschiedene Software antesten und herausfinden, welche Features für einen essentiell sind. Geht natürlich auch andersrum, ist aber wie der Kauf eines Sattels, ohne je das Pferd gesehen zu haben.

Screenshot TRAKTOR Software

Exkurs Software: Vom Prinzip unterscheiden sich von DJs genutzte Programme in zwei Gruppen. Die erste simmuliert klassisches, deckbezogenes Auflegen in einer Software. Beispiele sind SERATO DJ, TRAKTOR oder VIRTUAL DJ. Man benötigt zur komfortablen Bedienung eine Hardware mit Jogwheels und Pitchfader. Meist stehen zwei oder vier virtuellen Decks in der Software ebensovielen Kanälen am Mixerpart des Controllers gegenüber. Man lädt einen Titel in das virtuelle Deck der Software und mixt diesen mit einem weiteren Titel – ähnlich wie mit CD oder Schallplatte.

Was uns zum heiligen Grahl vieler Oldschool-DJs führt: Das Anpassen des Tempos! Mit einem Controller der beschriebenen Art, könnte man das in der Tradition guten alten Handwerks machen. Man kann aber auch die Vorzüge einer Software nutzen und den “Sync-Button” verwenden. Damit werden Titel automatisch im Tempo angepasst und man muss diese nur noch ineinander mixen. Ein bis zum Erbrechen geführter Disput dreht sich darum, ob ein DJ noch ein DJ ist, wenn er solche Hilfsmittel nutzt. Ohne die Thematik zu vertiefen eine Anmerkungen: das Medium entscheidet nicht über die Qualität eines Sets oder die Gunst des Publikum. Leitsatz: DJs, die über langen Zeitraum viele musikalische Genres bedienen, die ihre Titel gern ausspielen und dabei nicht so auf unterschiedliche Tempi achten, sollten deckbezogene Controller bevorzugen.

Screenshot ABLETON Software

Womit wir zum zweiten möglichen Funktionsprinzip einer Software kommen. Programme wie ABLETON LIVE, MIXMEISTER oder neuerdings auch TRAKTOR (mit dem Kontrol S8) setzten auf ein “Mastertempo“. Die Software gibt sozusagen den BPM-Wert (Beats Per Minute) vor, alles weitere richtet sich automatisch danach. Ideal, wenn man Samples oder Versatzstücke von Titeln mischen möchte. Die Hardware für solche Programme verzichtet auf Jogwheels und Pitchfader. Dafür finden sich oft mehr Pads, um einzelne Songs, Songteile oder Samples – die in der Software meist in eine sogenannten Clipmatrix (was vielen Decks entspricht) geladen werden – anzusteuern. Leitsatz: DJs, die vorrangig einen Tempobereich / ein Genre bedienen, die hauptsächlich Samples und “Trackbausteine” verwenden oder die eine zeitlich begrenzte Performance vorbereiten wollen, sollten sich in dieser Kategorie orientieren.

Abschließend: Effekte, Loops, Cue-Punkte, Aufnahmefunktionen und Waveformdarstellungen bietet eigentlich jede Software.Der Umfang kann, je nach verwendeter Version, variieren.

Laptoprocker galore

Wenn die “Typfrage” und die Anzahl der benötigten Decks und Features geklärt ist, sollte man sein Budget mit dem zukünftigen Einsatzziel abgleichen. Leute, die ihr Geld mit musikalischer Unterhaltung verdienen und einen 50 Euro Controller am Laptop haben, dessen interne Soundkarte direkt über die Billig-PA die Hochzeitsgesellschaft beschallt, gibt es ebenso, wie Jugendzimmerrocker, die in ein Setup im Gegenwert eines Kleinwagens  investiert haben. Letztere finde ich weit weniger strange.  Kurz: Funktionsumfang der Software, Ausstattung und Größe der Hardware sowie das ausgegebene Geld sollten im gesunden Verhältnis zur angepeilten Verwendung stehen.

Was ist noch zu beachten? Im Jahr 2015 ist so ziemlich jede Hardware erhältlich. Es ist jedoch nahezu unmöglich die ideale Hardware zu finden. Die Gründe liegen in den subjektiven Anforderungen. Folglich ist ein Controller immer auch ein Kompromiss, im Idealfall der kleinstmögliche. Im Dickicht der Angebote finden sich Einzelmodule zur Steuerung spezieller Funktion und kompakte Geräte, die nebenbei noch CDs abspielen können. Oder die hauptsächlich CDs abspielen und nebenbei eine Software steuern. Diese Vielseitigkeit ist für den einen Nutzer ein Vorteil, für den anderen nachteilig. Es gibt Controller, die nur eine (mitgelieferte) Software steuern und deren Funktionen komplett in Hardware spiegeln und es gibt Controller, die bewußt als “Blankovorlage” verstanden werden möchten. Es gibt Controller für weit unter hundert Euro und welche für 2000 Euro. Nicht zuletzt kommunizieren manche Controller mit dem “veralteten” MIDI und andere über HID mit der Software. Bei Human Interface Device handelt es sich um ein USB-Subprotokol, welches – besonders bei Jogwheels oder Displays – ein besseres Zusammenspiel zwischen Soft- und Hardware ermöglicht.

Es ist unmöglich allgemein DIE Empfehlung zu geben! Aber was hat sich durchgesetzt und bewährt? Bei deckbezogener Software teilen sich TRAKTOR und SERATO DJ die Plätz. Führende Software “mit Mastertempo” ist ABLETON LIVE, eigentlich eine DAW (Digital Audio Workstation), ein komplettes virtuelles System für Musikproduktion.

Traktor Kontrol S8

Der Hersteller von TRAKTOR ist NATIVE INSTRUMENTS (NI) aus Berlin. Die letzten Jahre beherrschte deren, perfekt auf TRAKTOR abgestimmte, Hardware das Geschehen. Besonders konnten der KONTROL X1 (als Modul) und der KONTROL S4 MK2  eine Anhängerschaft aufbauen. Mit dem KONTROL S8 versucht NI softwareseitige Funktionen (Remix Decks) zu forcieren, die Richtung “Mastertempo” gehen.

Pioneer DDJ Sx MK2

Der ewige Gegenspieler kommt aus Neuseeland. SERATO war einst Platzhirsch bei den DVS und eigentlich schon fast abgeschrieben bei den Controllern, da sie keine eigene Hardware anboten. In letzter Zeit kooperiert man aber mit vielen Herstellern, vor allem mit PIONEER. Und damit hat SERATO das Feld von hinten aufgerollt. Inzwischen gibt es (vom DDJ-SB über den DDJ-SX bis zum DDJ-SZ) in jeder Preisklasse einen Controller. Faireweise muss man sagen, dass NUMARK mit seiner MIXTRACK-Serie und dem NS7 gute Arbeit leistet. Erstere sind keine Schönheiten, aber treu, letzterer ist einer der ganz wenigen Controller mit drehenden Jogwheel bzw. Plattentellern.Ableton Push ControllerDer Berliner Hersteller ABLETON LIVE hat mit dem PUSH einen eigenen Controller im Programm. Natürlich ist dieser optimal auf die Software zugeschnitten und per Definition sogar ein “Musikinstrument”. Zumindest will ABLETON  das so verstanden wissen. Weitere Controller für LIVE sind: AKAI APC40 (MK2), NOVATION LAUNCHPAD oder der eingestellte TWEAKER.Reloop NEONAls wäre das Terrain nicht so schon unübersichtlich genug, gibt es auch viele Mixer, welche über Controllerelemente verfügen oder – wie der RELOOP NEON (Preis 139 Euro)- Module sind, die eigentlich zur Ergänzung für ein DVS gedacht sind. Als Sonderformen sei noch die FADERFOX-Reihe erwähnt, sowie der leider aufgegeben TWITCH von NOVATION.

MIDIPAD App

Steigende Verbreitung findet das iPAD. Das kann sowohl als Controller für eine Software auf einem Rechner eingesetzt werden (MIDIPAD App), als auch mit einer DJ-App (DJAY). Diese kann dann wiederum mit einer Hardware angefahren werden, was bessere Haptik gewährleistet.

Pioneer XDJ-RX Controller Rekordbox

Wohin geht der Trend? Die Hersteller von Software setzen auf immer neue Features und Automatismen, die sich als Zusatzfunktion verkaufen lassen. Und auf App-Versionen für die Smartphonejunkies. Komischerweise wollen die Hersteller von Hardware weg vom Rechner. Dafür bekommt der Controller Displays (und einen kleinen internen Rechner). Irgendwann – PIONEER macht das gerade mit dem XDJ-RX vor – soll die Musik direkt vom Stick kommen oder gleich aus der Cloud. Womit man schon die nächste Generation im Auge hat, denn für die ist das MP3 das, was heute das Vinyl ist. “Stand Alone” steht also über dem Tor zur nahen Zukunft.


Bisher erschienen Beiträge zu Schallplattenspieler und Mixer, zu CD-Playern und zu Digitalen Vinylsystemen. In der nächsten Folge geht es um die Peripherie wie Kopfhörer, Monitore, Effektgeräte, Tische oder Transportcases.

Weiterlesen: In -> diesem Beitrag gibt es fünf  Controller bis 250 Euro, bei denen man als Einsteiger nicht viel falsch machen kann. Wie immer gilt: bei Fragen fragen!

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